Public Music History - Musikalische Geschichtskultur am Beispiel von Musik, Tanz und Fest an kleinen Höfen des 18. und 19. Jahrhunderts
Der Rückbezug auf die Vergangenheit und die Sinnsuche in Geschichte wird gleichermaßen als Orientierung wie als Zuflucht angesehen. Angesichts anhaltender Krisen der Gegenwart und unsicherer Zukunftsperspektiven hat dieses als ‚Geschichtskultur‘ bezeichnete Phänomen kollektiver und individueller historischer Sinnstiftung in den letzten Jahren enorme gesellschaftliche Relevanz gewonnen. In der sogenannten „Eventgesellschaft“ im 21. Jahrhundert haben die Erscheinungsformen der Geschichtskultur einen einschneidenden Wandel erfahren, hin zu performativen und partizipativen, bisweilen immersiven Zugängen zur Geschichte. Dabei sind sowohl musikalisch-künstlerische Praktiken wie das Musizieren und Tanzen als auch deren Rezeption bisher nur wenig in ihrem Potenzial und ihrer Wirkweise einer musikalischen Geschichtskultur untersucht worden. Deren Ereignishaftigkeit schafft durch Partizipation und Immersion einen Kontaktraum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der eine spezifische Form der Auseinandersetzung mit der Geschichte erlaubt: eine Aneignung von implizitem und explizitem Wissen über die Vergangenheit, welches wesentlich für das Entstehen von Geschichtsbildern ist.
Ehemalige Residenzorte im ländlichen Raum greifen in der Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte besonders häufig auf die höfische Kultur und Kunst als Anknüpfungspunkte zurück und prägen damit auch lokale Geschichtsbilder. Das Projekt möchte am Beispiel höfischer Musik, Tanz- und Festkultur des 18. und 19. Jahrhunderts zeigen, welche Funktion, Bedeutung und Potenzial musikalisch-künstlerische Praktiken in der gegenwärtigen Geschichtskultur und als Strategien der Wissensproduktion über die Vergangenheit haben. Dazu werden an drei Untersuchungsorten Veranstaltungsformate unterschiedlicher Herangehensweise (Living history, Reenactment, performative Ausstellung) konzipiert und experimentell erprobt. Ein historisches Artefakt ist jeweils der Ausgangspunkt: Ein Kompendium handschriftlicher aufgezeichneter Gesellschaftstänze an einem kleinen Hof in Mitteldeutschland als Grundlage für einen historischen Ball als Living history-Event, eine Harfe als biographisches Artefakt in einer performativen Ausstellung, ein höfischer Gartenpavillon mit einem Schallsaal als sozialer und künstlerischer Aufführungsraum in einem Reenactment. Der Prozess der Realisierung einerseits und der Blick auf die Rezeption andererseits sollen Strategien und Mechanismen einer musikalisch-künstlerischen Geschichtskultur als Prozess historischer Sinnbildung offenlegen.
Angelehnt an den Terminus ‚Public history‘ aus der anglo-amerikanischen Wissenschaft wird damit das neue Feld der ‚Public music history‘ eröffnet und theoretische und methodische Grundlagen geschaffen, die Impulse für die wissenschaftliche Forschung und den Wissenstransfer in die Praxis liefern.
Das Thurnauer Tanzbuch: höfische Tanz- und Festkultur im ländlichen Raum
Thurnau war von 1699 bis 1806 ein zwar kleines, aber reichsunmittelbares Territorium zwischen dem Markgrafentum Bayreuth und dem Hochstift Bamberg. Im 18. Jahrhundert erlebte die Herrschaft unter den Grafen Giech eine kulturelle Blüte, die eine bescheidene, aber repräsentative Hofhaltung ermöglichte. Thurnau ist damit ein Beispiel einer autonomen Herrschaft, in welcher das damit verbundene Repräsentationsbedürfnis recht beschränkten Möglichkeiten gegenüberstand. Es gab weder ein festes höfisches Musikensemble noch explizite Aufführungsräume wie ein Theater. Quellenfunde belegen aber sowohl eine Tanz- und Festkultur am Hof als auch eine reiche, vorwiegend anlassgebundene Musikpraxis.
Im Bestand der Schlossbibliothek ist ein vierbändiges Kompendium mit handschriftlichen Aufzeichnungen zu sogenannten Contredanses erhalten, eine in Europa im 18. Jahrhundert weit verbreitete Form des Gesellschaftstanzes. Stilistisch lassen sich die Tänze und die Musik in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts datieren. In drei Stimmenbüchern und einem Band choreographischer Notation sind Tänze mit eindeutig lokalem Bezug aufgezeichnet, die darauf schließen lassen, dass es sich um ein Kompendium aus dem Besitz und Gebrauch der Grafenfamilie Giech in Thurnau handelt. Damit manifestiert sich im Thurnauer Tanzbuch sehr konkret die höfische Tanzkultur an dem kleinen fränkischen Hof und liefert in Zusammenschau mit anderen Quellen zum Alltag am Hof ein aussagekräftiges Bild zur Bedeutung und Praxis des Tanzes für den Adel im ländlichen Raum.
Der „Thurnauer Tanzboden“ als Living history-Format zu Tanz- und Festkultur am Hof in Thurnau
Obwohl die Schlossanlage bis in die Gegenwart den kleinen oberfränkischen Marktort architektonisch dominiert, ist die feudale Vergangenheit des im 18. Jahrhundert souveränen Territoriums in der lokalen Geschichtskultur wenig präsent. 2020 bot der Fund des Tanzbuches aus dem 18. Jahrhundert die Möglichkeit einer partizipativen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Thurnauer Hofes in Form eines künstlerischen Projekts von Studierenden der Universität Bayreuth unter dem Titel „Thurnauer Tanzboden“. Im Festsaal von Schloss Thurnau konnten Interessierte die historischen Tänze aus dem Tanzbuch getanzt sehen und auch selbst tanzen. Die Veranstaltung rief ein nachhaltiges regionales Interesse an der Geschichte des Thurnauer Hofs hervor, das sich explizit auf die Musik- und Festkultur bezieht. Im Rahmen des Forschungsprojektes soll das damalige Veranstaltungskonzept überarbeitet und nach den Prinzipien der Living history als Format partizipativer Geschichtsvermittlung im November 2026 erneut realisiert werden und wissenschaftlich begleitet und ausgewertet werden.
Grundidee ist die Gestaltung eines Balls, wie er am Thurnauer Hof hätte stattfinden können, also in Ablauf, Größe und Ausstattung orientiert an Bällen und Assembléen des Adels im ländlichen Raum und basierend auf den Erkenntnissen der vorangehenden Studie des Quellenmaterials zur Musik-, Tanz- und Festkultur in Thurnau. Neben einer Abfolge von Tänzen – vor allem aus dem Thurnauer Tanzbuch – können musikalische Einlagen, Gesellschaftspiele und Verköstigung Teil der Veranstaltung sein. Kern des Formats ist das Erleben höfischer Gesellschaftstänze als soziale Praxis: Contredanses basieren auf einer festen Abfolge von Tanzfiguren, die wechselnd mit dem eigenen und einem fremden Tanzpartner getanzt werden und somit wie ein Kennenlern- und Kommunikationsspiel aufgefasst werden können, das auch in der Gegenwart und abseits sozialer Normen der höfischen Kultur noch zugänglich ist. Die Tänze bieten so einen unmittelbaren Kontaktraum zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die Teilnehmenden sind aktiv in das Geschehen eingebunden und ordnen sich in die nachgebildeten historischen Strukturen – räumlich, ästhetisch, kulturell und sozial – ein. Der Prozess der Aneignung wird hierbei zwischen der Erfahrung von Alterität und der Anschlussfähigkeit an gegenwärtige Praxis ausgehandelt.
Das Schallhaus in Rudolstadt: Klangarchitekturen in der höfischen Musikkultur
Als Beispiel für einen besonderen Aufführungsort und -raum und eine damit verbundene Aufführungspraxis dient das sogenannte Schallhaus von Schloss Heidecksburg. Der Rudolstädter Hof verfügte im 18. Jahrhundert über eine gut aufgestellte Hofmusik, die sowohl kammer- wie kirchenmusikalisch produktiv war. Das Schallhaus ist ein oktogonaler Gartenpavillon im Park, in welchen 1729/1730 ein ‚Schallsaal‘ eingebaut wurde: In der Dachkuppel wurde eine Geschossdecke eingezogen, auf der Musiker für das Publikum nicht sichtbar platziert werden konnten. Durch eine Öffnung im Boden ist der Schallsaal mit dem Erdgeschoss verbunden. Die Wölbung und die Wandbeschaffenheit reflektieren den Klang nach unten in den ebenerdigen Saal und erzeugen eine gleichmäßig streuende 360°-Akustik. Das ursprünglich mit offenen Arkaden versehene Gebäude konnte außerdem durch seine Konstruktion den Klang so verstärken, dass die Musik im umliegenden Garten weithin hörbar war. Musik scheinbar ohne Musizierende, im Sinne einer magischen Hintergrundmusik, war im 17. und 18. Jahrhundert ein begehrtes und nur mit großem technischem Aufwand erreichbares Phänomen. Für den Gegenwartsmenschen, der alltäglich von nicht live erzeugter Musik umgeben wird, ist die Faszination und Bedeutung dieses Effektes nur noch schwer nachvollziehbar. Die Erlebbarkeit im Kontext eines original erhaltenen Aufführungsraumes macht die Historizität dieser Klangästhetik unmittelbar zugänglich. Die Hintergründe zur Errichtung des Schallhauses, vor allem aber dessen Nutzung als musikalischer Aufführungsraum, die Anlässe, die Besetzung und das musikalische Repertoire werden im Rahmen des Projektes untersucht.
Reenactment zur Nutzung des Schallhauses auf Schloss Heidecksburg: Ein Aufführungsraum als Erfahrungsraum für historisches Musikerleben
Seit seiner Sanierung ermöglicht der Pavillon in seinem weitgehend originalen Erhaltungszustand prinzipiell ein immersives Erlebnis eines historischen Klangeindrucks. Jedoch ist das heutige Nutzungskonzept von der bürgerlichen Konzertkultur seit dem 19. Jahrhundert geprägt, das auf gerichtetes Zuhören und Zuschauen des Publikums ausgelegt ist. Am Beispiel des Schallhauses zeigt sich daher besonders das Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Geschichtserleben. Der Pavillon impliziert in seiner gesamten Anlage eine gänzlich andere Musikpraxis, in welcher die Musik wie die visuellen Elemente der Architektur und des Gartens ein raumgestalterisches Element ist, das gesellschaftliche Anlässe (Tafel, Tanz etc.) rahmt und das Musikerleben von der körperlichen Präsenz der Musizierenden ablöst. Um dieses heute alltägliche Phänomen in seiner historischen Besonderheit zu erleben und zu verstehen, soll ein Reenactment ausgehend von den Beschreibungen im Quellenmaterial konzipiert werden, das die oben genannte Musikpraxis als raumgestalterisches Element realisiert und zum Beispiel als Tafel- oder Tanzmusik umgesetzt wird.
Die Residenz der Familie Lasalle von Louisenthal in Dagstuhl repräsentiert die Situation des landsässigen Adels im 19. Jahrhundert. Die Baronesse Octavie (1811–1890) prägte durch ihre künstlerischen und sozialen Aktivitäten die Region als weiblicher Akteur nachhaltig. Sie genoss ihrem sozialen Status entsprechend eine künstlerische Ausbildung, die aufgrund persönlicher Neigungen, die familiär unterstützt wurden, ungewöhnlich umfangreich war, insbesondere in der Malerei und der Musik. Trotz regelmäßiger, ausgedehnter Reisen war die Region um Dagstuhl ihr Lebensmittelpunkt, wo sie als unverheiratete Frau einerseits ihren künstlerischen Tätigkeiten nachging, andererseits ein intensives karitatives Engagement verfolgte – beides wirkt bis in die Gegenwart.
Performative Ausstellung der Harfe der Octavie: ein Musikinstrument als biographisches Artefakt
Die historische Person Octavies in der Gegenwart ist nach wie vor von ihrer karitativen Arbeit wie von ihrem künstlerischen Schaffen geprägt. In der lokalen Geschichtskultur der Region Dagstuhl/Wadern ist sie als historische Akteurin das bekannteste Mitglied ihrer Familie. Als Gründerin des Elisabeth-Vereins, eines bis heute bestehenden karitativen Vereins, ist sie eine zentrale Identifikationsfigur für die nahezu ausschließlich weiblichen Vereinsmitglieder und deren Engagement – was die Untersuchung auf den Geschlechterdiskurs in der Geschichtskultur lenkt und hier z.B. nach Tradierung und Wandel von Weiblichkeitskonzepten fragt.
Die Dauerausstellung zur Regionalgeschichte im Stadtmuseum Wadern ist wesentlich um die Harfe aus dem persönlichen Besitz der Baronesse Octavie konzipiert: eine Einfachpedalharfe vom Pariser Instrumentenbauer Georges Cousineau, um 1770 gefertigt. Die Ausstellung setzt das Musikinstrument in den Mittelpunkt als persönliches Artefakt und Sinnbild der historischen Persönlichkeit, von dem ausgehend die Geschichte der Person und der Region erzählt wird. Die Gattung des Instruments als traditionell ‚weibliches‘ Musikinstrument wird im derzeitigen Ausstellungskonzept jedoch nicht reflektiert, obwohl dies seit dem 18. Jahrhundert ein beständiges Narrativ ist, welches auch Octavies Wahl des Instruments beeinflusst haben dürfte. Die regelmäßigen Konzerte mit dem Instrument nehmen auf unterschiedliche Weise Bezug auf die Geschichte und die Person: durch die Auswahl der Repertoires, durch den Anlass des Konzertes oder auch durch historisierende Elemente wie Kostüme der Musikerinnen. Ein eindrückliches Beispiel für eine musikalische Vergegenwärtigung der historischen Person war 2013 eine musikalische Umrahmung der Feierlichkeiten zum 170jährigen Bestehen des von ihr gegründeten Elisabeth-Vereins. Das Spiel auf der Harfe war hier ein performativer Erinnerungsakt und kann als symbolische Verkörperung der Vereinsgründerin gedeutet werden.
Im Rahmen des Projektes soll eine Sonderausstellung (2027) konzipiert und realisiert werden, die unterschiedliche performative Mittel als Träger historischer Erzählung und Erfahrung von Geschichte erprobt. Geplant ist eine mehrtägige Veranstaltungsreihe, die klassische Ausstellungsformate und musikalische Praxis verbindet: Die Ausstellungsräume werden für die Präsentation von Hands-on-Exponaten genutzt, sind zeitweise aber auch Kulisse für performative Interventionen, die von Besuchenden beobachtet, aber auch aktiv mitgestaltet werden können. Die musikalische Praxis des Harfenspiels, der Aspekt adliger Musikkultur und die Bezüge zwischen künstlerischer Tätigkeit und weiblicher Identität werden dabei verhandelt, indem sowohl die Ausführenden wie auch externe Teilnehmende partizipativ und immersiv einbezogen werden und ihre eigene Funktion in und Haltung gegenüber der Situation ergründen können.